ForschungAbgeschlossene ProjekteNeue Mobilitätsregimes Die strukturierende Kraft betrieblicher Mobilitätspolitik auf Arbeit und Leben
Ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München (Lehrstuhl für Soziologie in Kooperation mit mobil.TUM – interdisziplinäre Projektgruppe Mobilität und Verkehr) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf Für immer mehr Beschäftigte nimmt der Mobilitätsdruck in der Arbeitswelt zu. Die Bereitschaft zu räumlicher Mobilität wird zu einer Grundvoraussetzung und zum charakteristischen Merkmal des neuen Arbeitsmarktes. Mobilitätsbereitschaft wird nicht mehr belohnt, ihr Fehlen wird vielmehr beruflich und auch finanziell sanktioniert. Dies, so Schneider et al. (2002), belegen die Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Bereitschaft des Einzelnen, zu reisen oder sich im Interesse des Unternehmens zeitweise an anderen Orten aufzuhalten, wird unter den Bedingungen von Globalisierung als weitgehend selbstverständlich angesehen (Doyle, Nathan 2001, Paulu 2001). In Anlehnung an Boltanski und Chiapello (2003) sprechen wir hier von den ‚neuen Mobilitätsregimes’ der Arbeitswelt. Zur Charakterisierung der neuen Mobilitätsregimes führen wir den Begriff ‚betriebliche Mobilitätspolitik’ ein. Damit meinen wir die Summe der Kriterien und Instrumente eines Unternehmens zur Gestaltung und Kontrolle der Reisetätigkeiten von Beschäftigten. Wir heben dies hervor, weil die Operationalisierung von Kriterien zur Gestaltung räumlicher Mobilität starke Auswirkungen auf die Privatsphären der Beschäftigten hat, auf deren soziale Einbindung in Betrieb und Lebenswelt und ihre sozialen Netzwerke. Mit anderen Worten: beruflich bedingtes Reisen und Aufenthalte an anderen Arbeitsorten haben hohen Einfluss auf die Strukturierung des Verhältnisses von Arbeit und Leben der Beschäftigten. Die damit markierte soziale Entgrenzung durch erhöhte räumliche Mobilität wird durch den Einsatz von Netzwerk- und Kommunikationstechnologien zudem verschärft. Räumlich und zeitlich entgrenztes Arbeiten wird in den neuen Mobilitätsregimes normalisiert und faktisch einklagbar. Die sozialen Folgen eines derart mobilen Arbeitslebens sind noch weitgehend unerforscht. Im Zentrum der Studie steht daher folgende These: Steigende räumliche Mobilitätsprozesse gefährden die soziale Kohäsion von Beschäftigten. Den Gestaltungsformen betrieblicher Mobilitätspolitik muss insofern ein gesellschaftspolitischer Charakter unterstellt werden. Daher werden die sozialen, gesundheitlichen und psychischen Folgen der neuen Mobilitätsregimes empirisch erhoben und individuelle Strategien von Beschäftigten im Umgang mit Mobilitätsanforderungen rekonstruiert. Indem betriebliche Mobilitätspolitik und die Strategien der Beschäftigten systematisch aufeinander bezogen werden, kann ermittelt werden, wie sich die steigenden Mobilitätsforderungen in bestimmten Arbeitskontexten auswirken. Dazu werden Erhebungen im Bereich der Facharbeiter und mittleren Angestellten und bei den so genannten mobilen Wissensarbeitern im Dienstleistungsbereich durchgeführt. Der qualitative Forschungsansatz dient der Exploration dieses neuen Forschungsfeldes, weshalb keine abschließende oder repräsentative Erhebung beabsichtigt ist. Vielmehr sollen die Konturen eines bislang vernachlässigten Forschungsfeldes sichtbar werden, das im Zeichen von Globalisierung und Flexibilisierung an Bedeutung gewinnt. In der Tradition subjektorientierter Arbeitsforschung wird eine quali tative Netzwerkanalyse erstellt. Die sozialen Bindungen und Einbindungen von Beschäftigten werden ebenso wie prekäre Integrationen bis hin zu Desintegrationen durch erhöhte räumliche Mobilitäten ermittelt. Die Daten werden anhand einer speziellen Methodik (vgl. Kesselring 2006) erhoben. Experteninterviews liefern die Grundlage für eine Abschätzung des strukturierenden Einflusses betrieblicher Mobilitätspolitiken. Die Interviews mit den Beschäftigten werden problemzentriert geführt und methodisch durch den Einsatz von sozialen und geographischen Netzwerkkarten unterstützt. Ergebnisse sind auf drei Ebenen zu erwarten: zum einen kann ein neues Forschungsfeld exploriert werden; zum zweiten stehen am Ende des Forschungsprozesses weiterführende Arbeitshypothesen, auf die sowohl qualitative wie quantitative Forschungen aufgesetzt werden können; und zum dritten liefert die Untersuchung Grundlagen für konzeptionelle Überlegungen hinsichtlich der Integration des Themas in die (gewerkschaftliche bzw. betriebliche) Arbeitspolitik.
Projektteam: Dr. Sven Kesselring (mobil.TUM), Dr. Gerlinde Vogl (Lehrstuhl für Soziologie, TUM) Auftrag-/Fördergeber: Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf
Ansprechpartner: Sven Kesselring
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse erschien im August 2009 in der Zeitschrift Außenspiegel der Industriegewerkschaft IGBCE unter dem Titel "Einem Megatrend auf der Spur: Mobilität".
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